„Selber Schuld wenn du so rum läufst!“ – wenn Vergewaltigten die Verantwortung gegeben wird

860.000, oder in Worten: Achthundertsechzigtausend! Dies ist die Zahl polizeilich registrierter Fälle von sexueller Nötigung und Vergewaltigungen im Jahr 2015 in Deutschland. (Quelle: statista) Das bedeutet, dass knapp 1,1% der in Deutschland lebenden Menschen Opfer dieser Verbrechen werden. Eine erschreckende Zahl, doch wenn man überlegt, dass viele dieser Taten gar nicht erst gemeldet werden und die Dunkelziffer wahrscheinlich weitaus höher ist, ist es einfach nur noch beängstigend.

Menschen auf der ganzen Welt machen immer wieder darauf aufmerksam, dass Gewalt gegen Frauen immer noch zum Alltag gehört denn viele andere halten sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen immer noch für gerechtfertigt. Doch nicht nur die Vergewaltigung selbst, die Argumente, die man nach einer solchen Tat oft hört oder sich als Opfer gefallen lassen muss, sind meist genau so grässlich wie die Tat selbst. Das kann daran liegen, dass sich nicht gerade viel in den Köpfen seit Jahrzehnten getan hat. Mithu Sanyal, Kulturwissenschaftlerin, sagt: (Quelle: watson.ch)

Kaum reden wir über Vergewaltigung, ist es 1955.

March Against Rape Culture and Gender InequalityErstattet eine Frau Anzeige, fragt die Polizei fast immer danach ob sie etwas getan haben könnten, das den Täter dazu veranlasst hat wie bspw. ein zu kurzes Kleid getragen, aufreizende Gesten und Blicke zugeworfen. Was bitte sind das für Fragen? Und selbst wenn ich nackt und zwinkernd vor jemandem stehe ist das keine Einladung geschweige eine Aufforderung dazu sich sexuell an mir zu vergehen! Es wird immer noch davon ausgegangen, dass eine Vergewaltigung einen Auslöser hat, dass das Opfer dazu beiträgt den Täter zum Täter zu machen.

So musste eine Frau in den 1970er Jahren den Nachweis erbringen sich gegen den Übergriff gewehrt zu haben, denn ihre Erregung hätte ja durchaus noch während des Akts einsetzen können, so die Anwälte und Richter damals. Das ist einer der Gründe, warum die Scham der Opfer so dermaßen groß ist ein solches Verbrechen überhaupt zu melden. Es kann nämlich durchaus passieren, dass man plötzlich selbst beschuldigt wird. Denn dies ist kein Phänomen der Vergangenheit sondern zieht sich bis heute durch unsere Gesellschaft.

Die EU hat in einer kürzlich veröffentlichten Studie herausgefunden, dass jeder vierte Europäer denkt, dass eine Frau selber Schuld sei wenn sie vergewaltigt wird. Wer jetzt denkt, dass Deutschland durch den Rest Europas runter gezogen wird, der irrt. 27% der befragten Deutschen teilen diese Annahme. Damit liegen wir genau im europäischen Schnitt. Insgesamt 10% der Befragten meinen, es liegt an zu aufreizender Kleidung, 11% finden, dass es eben passieren kann, wenn man einen fremden Mann mit nach Hause einlädt, 12% sind der Meinung, dass eine Frau, die getrunken oder Drogen konsumiert hat, auch damit rechnen müsse.

Auswertung der Frage "Es gibt Personen, die finden, dass Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung unter bestimmten Umständen gerechtfertigt ist. Glauben Sie, dass dies auf folgende Situationen zutrifft?"
Auswertung der Studie „Geschlechtsspezifische Gewalt“

Das bedeutet also, dass Frauen am besten gar nicht mehr das Haus verlassen, auf keinen Fall mit Männern reden oder gar einen Cocktail trinken sollten. Schon braucht man sich nicht mehr wundern wenn man gegen den eigenen Willen zum Sex gezwungen wird! Kaum zu fassen, dass es wiklrich Menschen gibt, die so argumentieren. Um auf das Beispiel des Gerichtsprozesses in den 1970er Jahren zurück zu kommen: immerhin 10% sagen, dass eine Vergewaltigung keine ist, wenn die Frau nicht deutlich genug nein gesagt oder sich nicht ausreichend gewehrt hat. (Quelle: European Commission – public opinion, Spezial Eurobarometer 449, Geschlechtsspezifische Gewalt)

„Victim Blaming“ heißt das auf Englisch, also das Opfer für die Tat verantwortlich machen. Diese Denkweise ist gerade bei Sexualverbrechen so stark in der Gesellschaft verankert, dass wir es kaum bemerken. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Nach den Vorfällen der Silvesternacht 2015 auf 2016 in Köln gab es einen riesigen Aufschrei, dass Frauen in unserem Land nicht gut genug geschützt würden. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker empfahl Frauen sich selbst zu schützen und in Menschenmassen immer auf Abstand zu gehen.

Eine Armlänge Abstand zu Fremden!

Mal davon abgesehen, dass dies in großen Menschenmassen gar nicht umzusetzen ist, schwingt wieder die „Eigenverantwortung der Frauen“ mit. Die Frau ist verantwortlich nicht begrapscht oder vergewaltigt zu werden. Sie muss auf Abstand gehen! Wieder ein klassisches Beispiel dafür wenn Opfern eine Mitschuld gegeben wird. Frau Reker erntete damit nicht gerade Zuspruch.

Desweiteren wird dieser Abstand, selbst wenn man versucht ihn einzuhalten, keinen Vergewaltiger abhalten zur Tat zu schreiten.

Es darf nicht an den Frauen sein sich schützen zu müssen. Es muss an den Männern sein nicht zu Vergewaltigern zu werden! In der Gesellschaft ist es immer noch verankert, dass Frauen entweder unschuldige Jungfrauen oder zumindest monogame Hausmütterchen sind oder eben läufige Hündinnen, die es dann aber eben auch drauf anlegen. Eine Frau mit gesunder und aktiver Sexualität ist kaum denkbar. Bei all diesen Diskussionen und Taten fällt auf, dass es meist darum geht, dass jemandes Ehre auf dem Spiel steht. In den meisten Fällen die der Frau.  Doch hat eine Frau mit sexueller Vergangenheit überhaupt Ehre? Um nochmal auf die Studie zurück zu kommen, erschreckende 7% halten eine Vergewaltigung für völlig okay, wenn die Frau vorher schon mehrere Sexualpartner hatte.

Samantha Geimer, die als 13-Jährige vom Regisseur Roman Polanski (damals 30 Jahre alt) sexuell missbraucht worden war, gab in einem Interview im US-Fernsehen an, bereits vor diesem Vorfall Sex gehabt zu haben. Auch physische Schmerzen hatte sie nicht gehabt. (Quelle: Interview Samantha Greimer bei Larry King live) Dies hatte zur Auswirkung, dass die öffentlich Wahrnehmung sich stark wandelte. Das bis dahin unschuldige junge Mädchen wurde in den Augen vieler plötzlich zu einer lüsternden Lolita, die dem armen Mann den Ruf schädigen will. Polanski sollte nun also weniger Schuld an seiner Tat haben weil Geimer bereits vorher Sex hatte und ihn gewähren lies? Unterm Strich bleibt es ein 30-Jähriger, der Sex mit einer Minderjährigen hatte, da gibt es nichts zu diskutieren.

Derzeit gehören sexuelle Übergriffe und das „Victim Blaming“ fest zusammen und sind fest in unserem Alltag etabliert – eine Kultur, eine „Rape Culture“. Diese Kultur steckt so fest in unseren Köpfen, dass wir von deren Opfern auch schon erwarten, wie sie sich nach so einer Tat zu fühlen haben. Es wird ihnen oft einfach nicht gestattet den eigenen Umgang zu finden. Es wird vorausgesetzt, dass man nun stark traumatisiert sein muss und Männer wie Monster ansieht. Jedes negative Gefühl wird auf die Tat zurückgeführt. Einfach mal traurig sein, weil man einen miesen Tag hatte? Nein! Es muss an dem Trauma liegen!

Es ist als würde man diesen Frauen jegliche Selbstbestimmung rauben und ein Recht auf ihre Gefühle. Diese sind aber einfach von Mensch zu Mensch verschieden. Manche brechen nach so einem Verbrechen völlig zusammen, andere sind äußerlich ganz ruhig und wieder andere ziehen sich komplett zurück. Das Gefühlsspektrum reicht von Ekel, Angst, Wut über Hass bis zur Trauer. Es gibt zum Glück Seiten wie Frauen gegen Gewalt, die versuchen mit schlimmen Klischees über Vergewaltigungen, deren Opfern und den Tätern aufzuräumen.

Aber ja, oft sagen Frauen nach einem solchen Übergriff, dass sie ihr Vertrauen Männern gegenüber stark beschädigt ist und dass es noch viel Zeit braucht, bis man das Erlebte verarbeitet hätte. Doch immer dann, wenn eine Frau davon erzählt, dass Männer ihr Gewalt angetan, sie sexuell missbraucht oder ihr sonst ein Leid zugefügt haben gibt es einen, der sich angegriffen und dazu aufgefordert fühlt etwas zu sich selbst sagen zu müssen. Jemanden, der nun nicht unbedingt die „Geschlechterehre“ sondern seine eigene verteidigen will.

Nicht alle Männer sind Vergewaltiger!

not_all_batmanDieser Spruch ist eigentlich immer präsent, sobald das Thema öffentlich diskutiert wird.

Ich weiß, lieber Mann aus Reihe 2, was du uns damit sagen willst, aber lass es einfach. Es ist als würde ein Opfer eines Verkehrsunfalles davon berichten, dass es seither gelähmt ist, dass es starke Schmerzen hat und, dass Autofahrer vielleicht mehr Rücksicht auf Fußgänger nehmen sollten. Würdest du aufstehen und sagen: „Also ich bin Autofahrer und habe noch nie jemanden angefahren, ich nehme immer Rücksicht!“ Dem Opfer hilft so ein selbstzentriertes Geschwafel überhaupt nicht – es lässt dich nur wie ein Arschloch dastehen. Es geht hier gerade nicht um dich, sondern um jemanden, dem Schreckliches widerfahren ist. Ist ja schön, dass du nicht missbrauchst und vergewaltigst, aber dem Opfer hilft das nicht!

Eigentlich bewiest du mit diesem Spruch nur Passivität. Ja du bist kein Vergewaltiger aber machst du dich auch aktiv gegen Alltagssexismus stark? Sagst du auch „Hey, Frauen gehören nicht per se in die Küche!“ wenn mal wieder der Evergreen der sexistischen Pointen fällt? Sprichst du Männer auf der Straße an, wenn sie einer Frau hinterherpfeifen und bittest sie, das künftig zu unterlassen?

Und auch wenn du das tust, bitte ich dich aufzuhören den Beschützer der Beschützten zu spielen. Mach dich stark gegen den Sexismus, der uns alle tagtäglich umgibt, Frauen wie auch Männer! Hilf die Denkweisen zu durchbrechen, die uns seit Jahrhunderten begleiten. Das hilft uns allen mehr als nur dich in ein „korrektes Licht zu rücken“.

Jedes Jahr, am 25. November, ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Ein kleiner Tag, der schon seit Jahren existiert, aber kaum mediale Beachtung findet. Dabei würde ein solcher Tag, der öffentlich in unsere Wahrnehmung geschubst wird, helfen mit vielen Missständen aufzuräumen, von denen viele nicht einmal wissen, dass es  sie gibt.

Wenn du selbst Hilfe benötigst, du selbst Opfer geworden bist, dann rufe kostenfrei das Hilfe-Telefon Gewalt gegen Frauen unter der Nummer 08000 116 016 an. Die Beratung ist anonym und vertraulich.

Zum Abschluss ein Video der Besorgten Bürgerin – danke dafür!

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